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Wettlauf zum Mond 2.0 – China, USA und die neue Ära

USA und China liefern sich ein neues Wettrennen zum Mond. Artemis gegen Chang'e, Accords gegen ILRS – wer baut die erste permanente Mondbasis?

Wettlauf zum Mond 2.0 – China, USA und die neue Ära

Der erste Wettlauf zum Mond endete am 20. Juli 1969, als Neil Armstrong die Leiter der Eagle hinunterstieg. Die USA hatten gewonnen, die Sowjetunion gab ihr bemanntes Mondprogramm auf, und für ein halbes Jahrhundert schien das Thema erledigt. Doch seit Mitte der 2010er Jahre hat sich die Lage fundamental verändert. Es gibt einen neuen Wettlauf – und diesmal geht es nicht um Flaggen und Fußabdrücke, sondern um permanente Präsenz, Ressourcen und geopolitischen Einfluss.

Der neue Mondwettlauf

USA-Programm
Artemis (NASA)
China-Programm
Chang'e + ILRS
USA – Erste Landung
Artemis III (~2027/28)
China – Erste Landung
~2030
Artemis Accords
43 Unterzeichnerstaaten
ILRS-Partner
China, Russland + 10 Staaten

Zwei Blöcke, zwei Visionen

Was den neuen Wettlauf vom alten unterscheidet: Es entstehen zwei parallele, konkurrierende Systeme für die Monderkundung – mit unterschiedlichen Partnern, Regeln und Zielen.

Auf der einen Seite steht das Artemis-Programm der NASA mit den Artemis Accords als rechtlichem Rahmen. 43 Staaten haben unterzeichnet, darunter die ESA-Mitglieder, Japan, Kanada, Australien, Südkorea und die UAE. Das Programm setzt auf kommerzielle Partner (SpaceX, Blue Origin, Axiom Space) und internationale Kooperation unter US-Führung.

Auf der anderen Seite steht die International Lunar Research Station (ILRS) – ein gemeinsames Projekt von China und Russland, dem sich inzwischen über zehn weitere Staaten angeschlossen haben, darunter Pakistan, Venezuela, Südafrika und Belarus. Die ILRS plant eine robotische Forschungsstation am Mond-Südpol, die später für bemannte Missionen erweitert wird.

Getrennte Welten

Die beiden Blöcke sind technisch und politisch inkompatibel. Es gibt keine gemeinsamen Docking-Standards, keine geteilten Kommunikationsprotokolle und – aufgrund des US-amerikanischen Wolf Amendment – kein bilaterales Raumfahrtabkommen zwischen NASA und CNSA. Eine Zusammenarbeit ist gesetzlich verboten.

Chinas Aufstieg

Chinas Mondprogramm ist methodisch, schrittweise und beeindruckend erfolgreich. Während die NASA nach Apollo jahrzehntelang keinen Lander mehr zum Mond schickte, hat China seit 2007 eine Serie von Missionen absolviert, die jede für sich Neuland betraten.

MissionJahrMeilenstein
Chang’e 12007Erster chinesischer Mondorbiter
Chang’e 22010Hochauflösende Kartierung
Chang’e 32013Erste chinesische Mondlandung (Yutu-Rover)
Chang’e 42019Erste Landung auf der Mondrückseite weltweit
Chang’e 52020Erste Probenrückführung seit 1976
Chang’e 62024Erste Proben von der Mondrückseite
Chang’e 7~2026Südpol-Erkundung mit Rover und Hüpfer
Chang’e 8~2028ISRU-Tests, 3D-Druck mit Regolith

Jede Mission baut auf der vorherigen auf. Chang’e 4 demonstrierte die Fähigkeit, auf der Mondrückseite zu landen – etwas, das keine andere Nation je versucht hat. Chang’e 5 brachte 1.731 Gramm Mondgestein zur Erde zurück, die ersten frischen Proben seit der sowjetischen Luna 24 im Jahr 1976. Chang’e 6 wiederholte das Kunststück auf der Mondrückseite.

Chinas bemanntes Mondprogramm

Parallel zum robotischen Programm entwickelt China die Infrastruktur für bemannte Mondlandungen. Das Mengzhou-Raumschiff (ähnlich wie Orion) und der Lanyue-Mondlander befinden sich in der Entwicklung. Die neue Schwerlastrakete Langer Marsch 10 (CZ-10) soll rund 27 Tonnen in den Mondtransferorbit bringen – weniger als die SLS, aber ausreichend für eine Mondlandung mit zwei Astronaut:innen.

China plant die erste bemannte Mondlandung für etwa 2030. Wenn Artemis III sich weiter verzögert, könnte China die USA im Rennen um die nächste Mondlandung überholen – ein Szenario, das in Washington für erhebliche Nervosität sorgt.

Artemis – der amerikanische Weg

Das Artemis-Programm der NASA ist ambitionierter, aber auch komplexer. Es setzt auf das SLS als Schwerlastrakete, das Orion-Raumschiff mit europäischem Servicemodul, das Lunar Gateway als Mondorbit-Station und SpaceX Starship HLS als Mondlander. Dazu kommen kommerzielle Frachtlieferungen über das CLPS-Programm (Commercial Lunar Payload Services).

Die Stärke von Artemis liegt in der internationalen Architektur: ESA baut das Servicemodul und Gateway-Module, JAXA steuert Rover und Lebenserhaltung bei, CSA liefert Robotik. Das verteilt Kosten und Risiken – macht das Programm aber auch abhängig von vielen Partnern und anfällig für Verzögerungen.

Kosten im Vergleich

Das Artemis-Programm hat bis 2025 über 90 Milliarden Dollar gekostet. Chinas Mondprogramm ist deutlich günstiger – genaue Zahlen sind nicht öffentlich, aber Schätzungen liegen bei einem Bruchteil der NASA-Ausgaben. China profitiert von niedrigeren Arbeitskosten, zentraler Steuerung und weniger bürokratischem Overhead.

Die anderen Spieler

Der Mondwettlauf ist kein reines Duell. Mehrere Nationen verfolgen eigene Mondprogramme:

Indien hat mit Chandrayaan-3 im August 2023 erfolgreich am Südpol gelandet – als vierte Nation überhaupt und die erste, die in der Südpolregion landete. ISRO plant weitere Missionen und hat die Artemis Accords unterzeichnet.

Japan landete im Januar 2024 mit SLIM auf dem Mond – präzise auf 100 Meter genau, ein Weltrekord. JAXA ist tief in Artemis integriert und baut den Pressurized Rover gemeinsam mit Toyota.

Südkorea hat mit Danuri einen Mondorbiter im Einsatz und plant Landemissionen für die späten 2020er Jahre. Ebenfalls Artemis-Accords-Unterzeichner.

Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) hat kein eigenes bemanntes Mondprogramm, ist aber über Artemis tief eingebunden – vom Orion-Servicemodul über Gateway-Module bis zu wissenschaftlichen Instrumenten.

Was auf dem Spiel steht

Beim ersten Wettlauf ging es um Prestige. Beim zweiten geht es um mehr.

Ressourcen: Wassereis am Südpol ist der Schlüssel zu nachhaltiger Mondpräsenz. Wer zuerst die besten Standorte besetzt und ISRU-Technologie demonstriert, hat einen strategischen Vorteil. Die Artemis Accords erlauben die Einrichtung von „Safety Zones” um Operationsgebiete – de facto eine Form von Gebietsanspruch, auch wenn sie das Wort vermeiden.

Technologieführerschaft: Mond-Technologien – Lebenserhaltung, ISRU, autonome Systeme – sind direkt auf Mars übertragbar. Wer sie zuerst beherrscht, führt auch beim nächsten großen Schritt.

Geopolitischer Einfluss: Die Artemis Accords und die ILRS sind nicht nur technische Programme – sie sind geopolitische Allianzsysteme. Welchem Block sich ein Land anschließt, hat Auswirkungen weit über die Raumfahrt hinaus.

Kooperation oder Konfrontation?

Die Geschichte der Raumfahrt zeigt, dass Kooperation möglich ist – selbst zwischen Rivalen. Das Apollo-Sojus-Projekt 1975, die gemeinsame ISS seit 1998. Doch die aktuelle Lage ist anders: Das Wolf Amendment verbietet NASA jede bilaterale Zusammenarbeit mit China. Es gibt keine gemeinsamen Standards, keine geteilte Infrastruktur, keine diplomatischen Kanäle für die Raumfahrt.

Optimisten hoffen, dass der Mond groß genug für alle ist. Pessimisten sehen die Anfänge eines neuen Kalten Krieges – diesmal nicht in Berlin, sondern am Südpol des Mondes. Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen: ein Wettbewerb, der beide Seiten antreibt, schneller und besser zu werden – mit dem Risiko, dass er in Konfrontation umschlägt, wenn die Interessen kollidieren.

Eines ist sicher: Der Mond wird in den nächsten zehn Jahren so viel Aktivität sehen wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Und diesmal geht es nicht darum, kurz vorbeizuschauen – sondern zu bleiben.